Der jüngste Kandidat: Politik ist sein Leben

Andere genießen den Sommer, der 21-jährige Christian Franke macht Wahlkampf

von HAGEN EICHLER

Salzwedel. „Der soll erstmal etwas leisten“ – diesen Satz hört der Student Christian Franke derzeit öfter. Als Kandidat der Grünen will er in den Bundestag. In der Altmark tritt er an gegen Politiker, die seine Eltern sein könnten. Wer schon als Jugendlicher Politiker wird, muss Opfer bringen. So wie Christian Franke: Während die Jungs aus seiner Klasse angeln gehen, schmiedet der Salzwedeler im Jugendstadtrat erste politische Mehrheiten. Später machen die anderen den Führerschein – Franke hat keine Zeit, weil er einen Landtagswahlkampf bestreitet, im Alter von 18 Jahren. Und während andere das Studentenleben genießen, sitzt er schon wieder auf Podiumsdiskussionen: Als 21-Jähriger kandidiert er jetzt für den Bundestag. Kein Bewerber aus Sachsen-Anhalt ist jünger als er.

„Ich kann nicht so oft ins Kino gehen wie andere.“

„Ich kann nicht so oft ins Kino gehen wie andere“, gibt er zu, „und bis vor kurzem war ich der Depp, der als einziger nicht mit einer Spielkonsole umgehen konnte.“ Das immerhin hat er gelernt. Dennoch: Politik bestimmt sein Leben. Selbst im Hörsaal sitzt er mit anderen Jungpolitikern zusammen, Bundes- und Landesvorstandsmitglieder der Grünen Jugend sind darunter. Das klassische Studentenleben gibt es für ihn nicht. „Ich bin aber sowieso nicht der Partygänger und vermisse das nicht.“ Christian Franke studiert Politik, im vierten Semester. Die Regelstudienzeit wird er weit überschreiten. Gerade jetzt, in den Semesterferien, müsste er zwei Hausarbeiten schreiben. Er hat dafür Verlängerungen bekommen. Alle Dozenten hätten für sein politisches Engagement Verständnis, sagt er.

Christian Franke

Leben: 1992 geboren, in Salzwedel aufgewachsen, 2011 Abitur am Friedrich-Ludwig-Jahn-Gymnasium, seither Studium der Politikwissenschaften und Philosophie in Halle

Politik: seit 2008 aktiv in der Grünen Jugend, 2009 Beitritt zu den Grünen; 2008 bis 2011 im Jugendstadtrat Salzwedel; seit 2009 Sprecher für Lesben- und Schwulenpolitik der Grünen Sachsen-Anhalt; 2011 Direktkandidat für den Landtag im Wahlkreis Salzwedel (Ergebnis: 6,5 Prozent der Erststimmen); 2013 Direktkandidat für den Bundestag im Wahlkreis Altmark

Seine Familie weniger. Vor allem seine Großmutter sieht solche Verzögerungen nicht gern. Sie stammt aus einer Handwerkerfamilie, da zählen klare Ziele, die man möglichst schnell erreicht. Doch für den jungen Grünen haben jetzt andere Dinge Vorrang. Montag: Wahlkampftour mit der Grünen Jugend in Stendal. Dienstag, Mittwoch, Donnerstag Podiumsdiskussionen. Am Wochenende zeigt er sich bei Veranstaltungen. Und immer geht es darum, kompetent zu wirken. Nicht wie der Junge, der sich in die Welt der Erwachsenen verirrt hat. Dafür paukt er Zahlen und Daten über den demographischen Wandel, arbeitet sich ein in die Details der Energiewende. Und dafür zieht er sich ein Jackett an.

Bei der Landtagswahl 2011 stand er als 18-Jähriger auf Platz 18 der Landesliste. Gewählt wird man so nicht. Was zählt, ist die Erfahrung. Passanten auf der Straße fordern ihn auf, erstmal Abitur zu machen, bevor er für ein Parlament kandidiert. Bei den Podiumsdiskussionen aber, findet er, konnte er mithalten. „Ich habe es geschafft, nicht als der Jungspund rüberzukommen, der gegen 50-Jährige untergeht.“

Für die Bundestagswahl haben Sachsen-Anhalts Grüne ihren Jüngsten auf Platz 6 gesetzt. Für einen Sitz im Bundestag wird das nicht reichen, da braucht er sich keine Illusionen zu machen. Warum dann all der Einsatz an Straßenständen, mit Flyern und Kugelschreibern? Franke blickt bereits voraus. „Man muss bei jeder Wahl präsent sein und für die Wähler die Möglichkeit schaffen, mit uns zu reden“, sagt Franke. Irgendwann kommen ja wieder Kommunalwahlen – und da hofft seine Partei auf Stimmen, die auch Mandate bringen. Franke kann sich gut vorstellen, dann für den Stadtrat zu kandidieren.

Zu den Grünen stieß er einst durch den Jugendstadtrat, ein Planspiel, bei dem Schüler Stadtratsentscheidungen simulieren. Dort wird jemand gesucht, der die grünen Positionen vertritt. Den ersten Besuch bei den echten Grünen schildert Franke heute als Kulturschock. „Der Kreisverband war ziemlich überaltert, da saßen die alten Bürgerrechtler mit ihren typischen Bärten.“ Doch Franke gefällt, dass die Grünen ihm freie Hand lassen – die CDU hingegen, so erinnert er sich, gab den Schülern Karten mit vorbereiteten Statements.

„Ich habe es geschafft, nicht als Jungspund rüberzukommen.“

Salzwedels parteilose Oberbürgermeisterin Sabine Danicke wird für den Jungpolitiker zu einer politischen Ziehmutter. Noch heute schwärmt sie von ihrem damaligen Schützling: „Ein wunderbarer junger Mensch, sehr aufgeschlossen und immer sachlich.“ Andere halten Franke für arrogant und wichtigtuerisch. Franziska Brzezicha, die damals mit im Jugendstadtrat saß, erinnert sich an einen „souveränen, netten Typen“. Allerdings, sagt sie, fiel es ihm als Vorsitzenden des Gremiums schwer, die politische Arbeit auch für 16-Jährige interessant zu gestalten – die Beteiligung ging immer mehr zurück.

Im Landesschülerrat findet Franke das nächste Betätigungsfeld. Der Gymnasiast fährt nun regelmäßig nach Magdeburg ins Kultusministerium, um mit den anderen Vorstandsmitgliedern Schulpolitik zu diskutieren. Was hat das Ganze bewirkt? Franke grübelt länger nach. „Wir haben uns zu allen Themen eine Meinung gebildet“, sagt er dann. Die Altmark ist für die Grünen eine schwierige Umgebung. Anders als in den Großstädten ist ihr Milieu kaum vorhanden. Während die meisten Menschen hier eine Autobahn herbeisehnen und sich davon Arbeitsplätze oder zumindest kürzere Fahrtzeiten zu diesen erhoffen, lehnt die Ökopartei das ab. Wenn Franke im grünen T-Shirt durch die Straßen zieht, geht es auch um das Zurückdrängen der Massentierhaltung und den Aufbau weiterer Windräder.

In seiner Partei sortiert er sich als „gemäßigter Realo“ ein. Seit 2009 bereits fährt er zu den Bundesparteitagen. Und damit, diese Pointe behält er nicht für sich, ist er trotz seiner Jugend politisch schon deutlich länger aktiv als die 53-jährige SPD-Kandidatin für die Altmark – Marina Kermer ist ihrer Partei erst vor einem Jahr beigetreten.

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