Die Qual einer Wahl

Gegen halb zwei Uhr nachts greift Daniel Mouratidis an seinem Schreibtisch zum Telefon und ruft die Polizei. Der Deutsch-Grieche kann es nicht fassen: Vor dem Fenster seines Büros mitten in Magdeburg stehen drei Jugendliche und zeigen ihm den Hitlergruß. „Mouratidis hier. Landesgeschäftsstelle der Grünen in Sachsen-Anhalt. Wir haben hier Besuch von drei Neonazis.“ Als die Polizisten eintreffen, sind die drei Gestalten verschwunden. Geduldig beschreibt Mouratidis die Personen, dabei hat er momentan ganz andere Sorgen: Es ist Sonntag, in knapp 16 Stunden werden die Wahllokale schließen und die letzten potentiellen Wähler müssen überzeugt werden. Als Wahlkampfleiter bereitet der gebürtige Baden-Württemberger seit sechs Monaten die Grünen auf diesen Tag vor. Schafft es die Partei in den Landtag, wird der 33-Jährige maßgeblich beteiligt gewesen sein, bei Nichterfolg allerdings auch.

 

Gegen drei Uhr betritt er das Hinterzimmer der Geschäftsstelle. Die Tische dort sind vollgestellt mit Laptops, iPads, Smartphones, Datenkabeln und grünen Deko-Luftballons mit der Aufschrift „Atomenergie – Nein Danke!“. Bierflaschen und Biomilchtüten ragen aus dem Chaos empor. Mit müden Augen versuchen sich hier vier weitere Mitstreiter auf die hellen Bildschirme zu konzentrieren, auf denen seit über fünfzig Stunden laufend Fragen an die Grünen eintreffen: „Seid ihr so beliebt wegen Fukushima?“ müssen die freiwilligen Helfer ebenso beantworten, wie: „Was denkt ihr über illegale Aktionen von Greenpeace?“

 

Die Endspurtphase der Grünen findet unter dem Titel „Drei Tage wach“ im Internet statt, zwei Kameras übertragen die 72 Politik-Fragestunden. Junge Frauen und Männer blättern mit angestrengten Mienen immer wieder im „Zukunftsprogramm“, um die Ziele ihrer Partei richtig wiederzugeben. Der 18-jährige Christian twittert letzte Aufrufe in die Nacht: „Wenn IHR uns wählt, haben wir GRÜNE eine Chance!“ Der Blondschopf ist der jüngste Landtagskandidat aller Parteien. „Ich halte das nicht mehr aus“ klagt er. Als die Grünen aus dem Landtag flogen, war er gerade fünf Jahre alt. „Wir sind die Jugend und wir wollen nicht mehr warten“ fordert er und ist dennoch skeptisch: „Ich kann nur hoffen, dass wir reinkommen. Hauptsache, die NPD bleibt draußen.“

 

Um die Mittagszeit springt Mouratidis von seinem Stuhl auf und ruft: „Warum kann es nicht schon 18 Uhr sein?“ Er will motivieren und zeigt ein Youtube-Video seines Sirtaki tanzenden Onkels aus Athen in die Webcams. „Drei Tage wach heißt eben auch ein bisschen: Nach müd‘ kommt blöd“, entschuldigt sich der Rest der Wahlkämpfer bei den Zuschauern im Netz. Telefone klingeln, Pressetermine mit Sendern müssen organisiert und die Wahlkampfparty am Elbufer aufgebaut werden. Nur zwei Leute bleiben in der Geschäftsstelle.

 

Im Restaurant am Elbufer herrscht Hektik: Kamerateams von MDR und RTL wollen wissen: „Wann kommt Spitzenkandidatin Claudia Dalbert?, Wo sehen wir die Hochrechnungen?“ Christian nippt an einer Cola und wischt sich unaufhörlich die Hände an den Oberschenkeln ab. „Die Nazis dürfen nicht reinkommen“, wiederholt er wie ein Mantra. Zum Schutz der Wahlparty hat das Landeskriminalamt drei Beamte abgestellt. Auch sie wissen nicht, wie die NPD-Anhänger nach 18 Uhr reagieren werden.

 

Was er sagen darf und was nicht, das „Wording für die Presse“ erfährt Mouratidis gerade in einer Telefonkonferenz. Christian hat sich direkt vor die Leinwand gestellt und teilt seine bangen Blicke mir hundert anderen. Es sind fünf Minuten bis zur ersten Prognose und die Kamerateams zeichnen jetzt jede Regung auf. Als in der ARD Hochrechnungsspezialist Jörg Schönenborn loslegt, herrscht plötzlich Stille im Raum. Gejohle, als die gelbe FDP-Säule nicht an die 4 Prozent heran reicht und Jubelschreie, als der grüne Balken bis zur 7-Prozent-Marke steigt. Umringt von Ausgelassenheit blickt Christian starr auf das Diagramm, selbst als die NPD unter 5 Prozent bleibt. Seine Mundwinkel zucken nur leicht. Er hat es nicht für möglich gehalten. Mouratidis boxt ihn tanzend in die Seite und wundert sich: „Du bist ja immer noch so ernst.“

 

Um Mitternacht steht es fest: Die NPD ist nicht im Landtag. „Die sollen so lange vor deinem Fenster stehen, bis ihnen der rechte Arm abfällt“, ruft einer Mouratidis zu. Doch der hört ihn nicht und singt aus voller Kehle die Ärzte-Zeile: „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe…“ Mouratidis ist aber noch nicht zufrieden: „Ich kann erst wieder schlafen, wenn nächsten Sonntag die Mappus-Show endet.“

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