Etwas mehr Gelassenheit…

Meine Güte, kommt mal wieder runter! Es ist ja nicht mehr auszuhalten. Ihr nervt mit eurer Selbstbeschäftigung.

Die queeren Nachtichtenportale und Magazine kennen zur Zeit nur ein Thema, dass es auch schon in den Mainstream-Journalismus von taz und Welt geschafft hat: David Berger der Rechtspopulist, der Linkenhasser, der Unanständige, der Theologe und Konservative, das schwarze Schaf in der Community. Und das sind die netten Umschreibungen.

Man kann sicher nicht davon sprechen, dass der Streit mit dem Anzeigen-Stopp der Deutschen Aids-Hilfe (DAH) im Magazin MÄNNER, dessen Chefredakteur Berger ist, angefangen hat. Doch für viele scheint dieses Ereignis der Aufhänger der aktuellen Auseinandersetzung zu sein.

Die Sittenpolizei

Doch was war passiert? Die DAH gab am 24. November bekannt, dass sie keine Anzeigen mehr in der MÄNNER schalten wird, da das Magazin angeblich ein traditionelles Männlichkeitsbild vermittelt ,  dadurch andersartige Männer diskriminiert und Chefredakteur David Berger mit rechtspopulistischen Aussagen provozieren würde. Bezug genommen wird in der Pressemitteilung auf Aussagen Bergers zu einem Brief Alice Schwarzers an eine junge Frau, die sich im falschen Körper fühlt und der Schwarzer nur entgegnet: „Nicht der Körper ist ‚falsch‘, sondern die Rolle, die bis heute in unserer Gesellschaft Frauen bzw. Männern zugewiesen wird.“. Eine krude These, die von Berger zurecht als transphob zurückgewiesen wird. Im gleichen Atemzug übt er auch Kritik an queeren Gendertheorien, die biologisches und soziales Geschlecht getrennt betrachten. Für Berger resultiert aus dieser Aufweichung der Body-Mind-Einheit auch der Vorwurf des Lookismus, der immer wieder kommt, wenn u.a.  männliche Astralkörper abdruckt werden, was andere Männerbilder angeblich „diskriminiert“.  Berger sieht im Lookismus-Vorwurf vielmehr die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, die hinter queeren Gendertheorien versteckt wird.

Dieser Abgesang auf die Quere-Theorie ist einigen übel aufgestoßen.

Die Aids-Hilfe, die die Kampagne „ICH WEISS WAS ICH TU“ zur HIV-Prävention fährt, hält Berger, weil er im MÄNNER-Magazin auch umstrittenen Thesen Raum gibt, zudem vor rechtspopulistisch zu sein.  Die Distanzierung scheint so plausibel, doch beim genauem Hinsehen wird es absurd.  Dass im MÄNNER-Magazin auch kritische und umstrittene Beiträge abgedruckt werden, ist charakteristisch für ein Debattenmagazin, wie es die MÄNNER sein will. Und dass Berger die Provokation liebt, sollte nicht wundern. Übrigens, Provokation ist eine Wechselbeziehung zwischen Provokateur und Provozierten. Vielleicht einfach mal nicht provozieren lassen. Nur so als Tipp.

Eine staatlich finanzierte Kampagne, die zu allererst für HIV-Aufklärung sorgen soll, boykottiert das einzige bundesweit erscheinende Magazin für Schwule, weil das Magazin nur einen Teil der Community in den Fokus nimmt. Ich halte diese inhaltliche Begründung für politisch falsch. Man hätte, wenn man der MÄNNER nicht hätte schaden wollen, auch sang- und klanglos keine neuen Anzeigen setzen können ohne über den Inhalt öffentlich zu urteilen. Doch diese staatlich finanzierte Kampagne wollte mit aller Kraft Schaden zufügen. Das steht der DAH nicht zu. Hier spielt sich die Deutsche Aids-Hilfe zu Unrecht zur Sittenpolizei auf.

Wenn der IWWIT-Kampagne wirklich so viel an Vielfalt liegen würde, hätte sie den Meinungspluralismus in der Community akzeptiert. Wir sind nicht alle links und finden die Dekonstruktion von Geschlechtergenzen gut. Das können wir jetzt scheiße finden oder nicht. Es ist eben so.

Mal ehrlich, darf ein schwules Magazin sich in Sachen Schönheit festlegen? Natürlich darf es das! Darf es eine spezielle Zielgruppe innerhalb der Community ansprechen? Natürlich darf es das! Darf es auch kritische Positionen veröffentlichen? Aber sicher!

Selbstverständnis in der Community

Ich muss David Bergers Thesen nicht unterstützen, um ihn und das MÄNNER-Magazin zu verteidigen, denn das Problem trägt nicht seinen Namen. Das Problem, welches die Debatte offenbart, ist viel tiefgreifender. Es geht um das Selbstverständnis der Community und um rote Linien.

Der Grundkonsens in der Community ist kleiner, als es uns manche Medien Glauben machen wollen. Wenn wir die Vielfalt in der schwulen Welt wirklich schätzen wollen, müssen wir akzeptieren, dass es auch konservativere Kräfte unter uns gibt, die mit Thesen aus der linken Ecke Probleme haben. Nicht jede interne Kritik muss zum Zicken-Terror werden. Homosexualität ist keine Gesinnungsgemeinschaft.

Doch in der aktuellen Debatte wird selbst das für eher kurze Artikel bekannte Online-Magazin queer.de zum investigativen Kampfblatt im Namen des queeren Freiheitskampfes. Versteht mich nicht falsch, ich bin gerne Queerpolitiker und froh darüber, dass wir nur noch selten von „Schwulen – und Lesbenpolitik“ sprechen. Doch queer.de macht einen großen Fehler indem es meint, dass alle journalistischen Aktivitäten der Community der Fundamentalkritik an Parteien, Organisationen und Personen dienen muss, die der Gleichstellung zuwider handeln.

„Immer wieder betont Berger mit einer gewissen Freude in seinen Artikeln, wie normal es ist, dass es heute auch offen schwule Politiker in konservativen Parteien gibt. Das bestreitet niemand, das streitet ihnen niemand ab; auch queer.de begrüßt es, wenn in der Union selbstbewusste Mitglieder für die Ziele der Bewegung kämpfen (etwa hierhier oder hier). Nur ist dieser Kampf nicht vorbei, gerade in der CDU kommt er nicht voran. Es ist Recht und Pflicht jedes engagierten Homo-Mediums und jedes Homo-Verbands, darauf hinzuweisen und Politiker, auch schwule, zu ihrem Handeln zu befragen und ein solches einzufordern. Berger stellt hingegen einen Freibrief für seine offensichtlichen Kumpanen und seine Wunsch-Leserschaft aus: Wählt ruhig CDU, wird schon werden.“

queer.de im Artikel „Gegen das System Berger

Denn genau durch so ein Ansinnen wird David Berger, der durch seine Wirkung auf die gesamtgesellschaftliche Öffentlichkeit einiges für uns alle erreicht hat, zum neuen Feindbild einer imaginären, völlig gleichdenkenden schwulen Gemeinde, die so nur in den Vorstellungen einiger Funktionäre existiert.

Ich kenne viele engagierte homosexuelle CDUler, die sich in ihrer Partei zuhause fühlen. Ich bin zwar der Überzeugung, dass meine Partei, das Bündnis 90/Die Grünen mehr für die Gleichberechtigung getan haben, als andere Parteien, doch deshalb sind engagierte Unionspolitiker nicht meine Feinde Gegner, sondern die CDU mit ihrer uns LSBTI verachtenden Beschlusslage. Feinde unserer Gleichstellung sind ganz andere. Sie gibt es in allen Parteien – auch in der Linken, selbst wenn es manche nicht gerne hören. David Berger ist hingegen kein Gegner dieser Gleichstellung, auch wenn man den Eindruck bekommt, dass er im Laufe der Debatte zu einem gemacht werden soll, weil er den gefühlten Konsens in unserer Community aufkündigt. 

Der Grundkonsens der Community ist klein. Er bezieht sich ausschließlich auf das Ziel der Gleichberechtigung. Nicht mal der Weg zur Gleichberechtigung oder die einzugehenden Kompromisse sind Teil davon. Jetzt seid nicht schockiert. Ohne diesen kleinen Konsens wäre die Community weniger vielfältig. Wenn wir alle das Gleiche denken, schön finden und fordern würden, wären wir ein gleichgeschalteter langweiliger Haufen.

Was es aber braucht, ist mehr Akzeptanz für die unterschiedlichen Ansichten unter uns und das von allen Seiten. Wir müssen aber auch den Widerspruch ertragen können. Es gibt nicht die eine richtige Meinung, sondern Begründungen für verschiedene Ansichten. Warum sollte nur in der Mehrheitsgesellschaft Meinungsvielfalt herrschen? Ich möchte keine Community in der es nur den einen richtigen Weg gibt, in der andere geächtet werden, wenn sie anderer Ansicht sind und man anfängt rumzuheulen, wenn jemand die eigene Sicht auf die Dinge nicht teilt.

Aber dazu braucht es etwas mehr Gelassenheit…

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