Familie ist, was man dazu macht

Es ist gerade morgens um 4 Uhr. Eigentlich wollte ich gerade ins Bett, schlafen und Kraft sammeln für den morgigen Tag in der Uni. Wie es wohl jeder macht, scrollte ich zum Tagesabschuss noch mal durch Facebook. Kennt ihr auch dieses meditative Scrollen durch die aktuellen Beiträge eurer Freunde, bei dem ihr gar nicht alles lest, aber dennoch das beruhigende Gefühl bekommt, wieder auf dem aktuellen Stand zu sein? Aber das ist ein anderes Thema.

Ein Beitrag fiel mir jedoch sofort auf. David Berger, ein katholischer Theologe, Autor des Buches „Der heilige Schein: Als schwuler Theologe in der katholischen Kirche“ und dank Facebook mittlerweile auch ein guter Bekannter, postete einen Link zu einem „Projekt Regenbogenfamilie„. Nun kommt es nicht selten vor, dass er etwas postet, ich habe sogar eher den Eindruck, dass man sich sorgen machen muss, wenn er sich 30 Minuten lang mal nicht über Facebook mitgeteilt, oder etwas geteilt hat. Gut, dass es Menschen gibt, die noch mehr auf Facebook teilen als ich. Zurück zu Davids Beitrag. Ich klickte drauf, sah ein Bild von David, seinem Freund Klaus, seinem „Sohn“ Christian und dem Familienhund Nico. Soweit so gut.

Dann lass ich den Slogan des Blogs:

Dies ist ein Blog über unsere etwas „andere“ Familie. Sogar unter den Regenbogenfamilien ist unsere ein Exot 😀 Wir sind keine Familie im eigentlichen, gesellschaftlich erwarteten Schema. Wir sind mehr eine Familie, die spontan, zufällig und rein durch positive Gefühle entstanden ist. Schaut einfach rein seht und entscheidet selbst 🙂

Das machte mich neugierig und plötzlich machte alles Sinn. David, dem das Motto „Das Private ist politisch“ ins Blut übergegangen zu sein scheint und der Vieles aus seinem privaten Leben mit seinen Facebook-Freunden teilt, hatte in den vergangenen Wochen mehrfach Bilder und Kommentare veröffentlicht, die den Eindruck erweckten, dass in seinem Privatleben einiges in Bewegung ist. Auf Bildern tauchte benannter Christian auf. Nun bin ich nicht der Mensch, der sich sofort überall einmischt, doch es reizte mich schon zu fragen, was da gerade los ist. Also warf ich meine Zurückhaltung kurz über Bord und fragte David, Er sagte mir, es sei eine symbolische Adoption, die er und Klaus vorgenommen  haben. Da meine Zurückhaltung mich wieder gefunden hatte, bohrte ich nicht weiter nach Ich glaubte zu verstehen und dachte mir meinen Teil: „Da läuft doch irgendwas…“.

Ich sollte Recht behalten. Denn eben, als ich mir die Beiträge der Drei auf der Seite durchlas durchfuhr es mich mich wie ein Blitz. David, Klaus und Christian übernehmen schlicht und einfach Verantwortung für einander, sie erwidern Gefühle und teilen ihr Leben miteinander. Ist das nicht großartig?!

Die Lebensrealitäten in unserer Gesellschaft sind vielfältig. Dass es sich hier um drei Homosexuelle handelt, mag daran liegen, dass diese durch die eh vorhandene Abweichung, gesehen aus dem Blickwinkel der heteronormativen, zweigescheltlichen Mehrheitsgesellschaft, als Teil der Minderheit befreit sind von einigen gesellschaftlichen Zwängen. Dass sie sich gegenseitig Vater und Sohn nennen, unterstreicht den Prozess der Familienbildung.

Sicher, für viele Menschen mag es suspekt sein, wenn drei Erwachsene sich plötzlich so betiteln. Für einige mag es auch suspekt sein, dass sie miteinander schlafen. Ich kann daran nichts aussetzen, nein, ich finde daran sogar Gefallen. Es zeigt an einem sehr konkreten Beispiel, wie Verantwortungsgemeinschaften aufgebaut sein können und was Elternschaft alles heißen kann.

Wir leben in einer Welt, in der wir Begriffe gerne völlig starr benutzen, um unsere Umwelt zu kategorisieren. Diese Kategorien sollen uns eigentlich, wie ein großer Stadtplan, helfen von A nach B zu kommen, nur dass es sich bei Startpunkt und Zielen nicht um geographische, sondern geistige und oftmals auch moralische Orte handelt. Passen die Begriffe, wie wir sie verwenden, nicht mit dem zusammen, was wir sehen, sind wir verwirrt und manchmal orientierungslos. Im besten Fall, fangen wir an unsere Karte, unseren Stadtplan, zu hinterfragen und überlegen, ob unsere Orientierungspunkte die Richtigen waren. Bei dem Begriff der „Familie“ passiert sowas häufig. Einige benutzen alte, vergilbte Karten, in denen nur die heterosexuelle Ehe die Keimzelle für Familie ist, andere benutzen neuere Karten und akzeptieren auch homosexuelle Paare (mit Kindern), so genannte Regenbogen-Familien, und wieder andere benutzen ein fortschrittliches, modernes Navigationssystem, welches einem verschiedene, alternative Routen aufzeigt, um ans Ziel zu kommen.

Familie ist da, wo Menschen Verantwortung für einander übernehmen. Nicht umsonst wollen wir Grüne (ja, auch wenn’s der Blog ist, muss etwas Werbung sein) die Rechte sozialer Eltern verbessern, um Kinder besser zu schützen, in dem z.B. auch die Oma Rechte und Pflichten im Sinne des Kindes wahrnehmen kann. Hier ist es für die meisten noch logisch, dies als Verantwortungsgemeinschaft zu akzeptieren. Wenn wir aber die treu sorgende ältere Dame, die über Jahre hinweg Verantwortung für das Kind übernimmt wenn die Eltern arbeiten, oder die Patentante, oder einfach eine Person, der die Eltern vertrauen und die das Kind liebt, nehmen, so wird es für einige Menschen immer schwerer, diese Verantwortungsgemeinschaften als Familien zu akzeptieren. Warum, kann ich persönlich nicht verstehen. So schwierig Debatten um soziale Elternschaften auch sein mögen, sie sind nur ein abgetrennt zu betrachtender, kleiner Teil des Gesamtkomplexes, der sich mit der Frage sozialer Verantwortung befasst.

Alternative Verantwortungsgemeinschaften zu leben, geschweige denn sie fest in die Gesellschaft zu implementieren, ist eine der großen Aufgaben vor der wir stehen. Jetzt fordern alle progressiven Kräfte – richtigerweise – die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare, doch ist das nicht der Weisheit letzter Schluss. Ich möchte in einer Gesellschaft leben, in der die Menschen so Verantwortung übernehmen können, wie sie wollen. Die Rechtsinstitute müssen sich an den Menschen orientieren. Menschen sollen sich nicht in Rechtsinstitute, wie die Zwei-Personen-Ehe zwängen müssen, um Soziale Sicherung, rechtlichen Schutz, oder finanzielle Vorteile. zu erfahren. Das Spektrum menschlicher Gefühle ist größer, als dass eine monogame Zwei-Personen-Paarbeziehung allen Gefühlswelten gerecht werden kann.

Das klingt gerade ziemlich nach „Ehe abschaffen“, gemeint ist aber weiterhin „Ehe öffnen“ , um der Ehe eine neue Bedeutung zu geben. Das haben wir schon einmal. Als wir aus der Ehe mehr gemacht haben, als ein Sakrament der katholischen Kirche – die Rede ist von der Zivilehe. Das machen wir heute, indem wir die  Ehe für gleichgeschlechtliche Paare öffnen. Wir können es wieder tun – nur sollten wir es dann nicht mehr Ehe nennen, sondern Verantwortungsgemeinschaft, oder schlicht Familienvertrag. Letzteres ist keine Erfindung von mir, sondern grüne Beschlusslage – z.B. in NRW seit März 2009.

Danke an David, Klaus und Christian für diesen Denkanstoß!

So, jetzt ist es 6 Uhr. Ich sollte noch etwas schlafen. Gute Nacht – Und für jene, für die es schon „Guten Morgen“ heißt, macht was aus dem Tag!

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