FAZ: Neue Freundschaften auf Sand gebaut

Die Flut bringt Bürger und Studenten Halles zusammen. Viele junge Menschen wollen helfen beim Füllen der Sandsäcke. 

von ROBERT VON LUCIUS

HALLE, 6. Juni. Auf dem Hallenser Marktplatz stehen junge Leute in Gruppen und warten darauf, dass wieder ein Lastwagen mit Sand kommt. Den Sand schaufeln sie in Plastiksäcke. Kleinlader holen die Säcke ab und verteilen sie. Zwei Medizinstudentinnen berichten, sie warteten mehr, als sie arbeiteten. Helfer verteilen Sprudel und blaue Kappen gegen die Sonne. An diesem Donnerstag scheint sie zum ersten Mal in diesem Jahr so richtig warm auf die Stadt. Aber wenige Schritte entfernt vom Marktplatz unter dem Roten Turm sind Keller und Hinterhöfe überflutet.

Vor allem Studenten und Schüler stapeln Sandsäcke – der Rektor der Universität und die Schulleiter haben ihnen freigegeben und sie zur Hilfe aufgefordert. Von den Gymnasien kamen gleich ganze Klassen. Dies stärke das Zusammengehörig- keitsgefühl zwischen den Bürgern und den 20 000 Studenten der Martin-Luther-Universität, das mit gemeinsamen Protesten gegen Sparpläne für die Hochschulen begann, sagt der Doktorand Bernhard Spring. Er kennt sich aus in Geschichte und Geflecht der Region – in seiner Freizeit schreibt er Krimis, Stadtführer und Bücher über seine Heimatstädte Halle und Merseburg. Jetzt hilft er beim Säckestapeln an der Saale, bis in die Nacht. In diesen Hochwasser-Tagen sei alles ein wenig anders und freundlicher. So habe der parteilose Oberbürgermeister Bernd Wiegand kurzerhand die von Politessen an Helfer-Autos gehefteten Bußgeldbescheide für ungültig erklärt.

An der Saale, so scheint es, herrschen dieser Tage nicht die Sorgen vor – wie viele Monate etwa die vollgelaufenen Keller zum Trocknen brauchen werden. Man spürt vielmehr eine resigniert-heitere Gelassenheit bei den Leuten. Sie sind froh, anpacken zu können. Und überall die jungen Studenten, die sonst in der Vorlesung sitzen. Sie helfen in dem von einem Dammbruch und großflächiger Räumung bedrohten Plattenbau-Stadtteil Halle-Neustadt, sie helfen in der Altstadt an der Saale. Stellvertretend für viele erzählt eine 70 Jahre alte Bewohnerin der Altstadt, eine solche Hilfsbereitschaft habe sie „noch nie er- lebt“. Ihr Keller war bis zur Treppe überflutet. Nachbarn halfen ihr mit einer Pumpe und Schläuchen, jetzt fließt das Wasser in eine Baugrube gegenüber.

Im Kunstmuseum Moritzburg – hier zeichnete Lyonel Feininger einst seine Halle-Bilder – bleibt die Nolde-Ausstellung mit „situationsbedingten Einschränkungen“ geöffnet, im Dom dagegen mussten die Konzerte der Händel-Festspiele abgesagt werden, und auf der Saline-Halbinsel haben die Helfer Tag und Nacht zu tun, um das Halloren- und Salinemuseum vor der Flut zu retten. Dort ist die Zeit dargestellt, in der Halle mit seinem Salz eine der reichsten Städte Deutschlands war. An der Straße Neuwerk erinnern prachtvolle Gebäude an den Wohlstand der Stadt vor dem Krieg. Jetzt sind dort offenbar einige Bewohner den Evakuierungsanordnungen gefolgt und haben ihre Häuser verlassen. In einem der überfluteten Gärten treibt eine Mülltonne im grauen Wasser. Unmittelbar daneben pumpen Helfer Wasser aus dem Keller der Kindertagesstätte „Villa der fröhlichen Kinder“ des Deutschen Roten Kreuzes. Was hier an Hilfe geleistet wird, wird großteils privat geleistet – die Feuer- wehr und das Technische Hilfswerk können nur an einigen zentralen Stellen ein- greifen, obwohl benachbarte Landkreise wie das Mansfelder Land ihre Feuerwehrwagen aus allen Dörfern zum Schichtbetrieb nach Halle schicken. Die Berufsfeuerwehr hat die Koordination übernommen. Einer ihrer Einsatzleiter in einem studentischen Wohngebiet sagt, bisweilen sei die Hilfsbereitschaft sogar „zu viel“ – einmal habe er sogar die Polizei bitten müssen, Hilfsbereite, die sich nicht abweisen ließen, unter Kontrolle zu halten, weil sie den Einsatz störten. Auf der anderen Seite dann wieder stehen Studenten einer Fachhochschule an evakuierten Häusern Wache und helfen der Polizei so gegen mögliche Plünderungen – bislang gab es aber noch keinen einzigen Fall.

Zusammengerufen wurden all die jungen Helfer auch über soziale Netzwerke. Am Eingang der Kunsthochschule hängt in Plakat mit den Daten. Der Hallenser Student Christian Franke berichtet, auf Facebook habe es eine „Gruppe Hochwasserschutz“, die Nachrichten und Hilfsmöglichkeiten zusammenstellt, innerhalb kurzer Zeit auf 75 000 „Freunde“ gebracht. So etwas habe er noch nie erlebt, das sei eine beglückende Erfahrung. Franke ist mit 20 Jahren als Grüner der jüngste Bundestagskandidat des Landes Sachsen-Anhalt. Nach dem Säckefüllen in Halle fuhr er zum Helfen in die Dörfer seiner altmärkischen Heimat zwischen Tangermünde und Tangerhütte, wo die Elbe-Flutwelle für das Wochenende erwartet wird. Dann wird Halle wohl schon eine erste Bilanz ziehen können, in der die materiellen Schäden dem neuen Zusammenhalt in der Stadtgesellschaft gegenüberstehen werden.

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