Gemeinsames Manifest zur Schulpolitik: Befähigen statt sortieren!

Hallesches Manifest zur Grünen Schulpolitik in Ostdeutschland

In den ostdeutschen Bundesländern entlassen wir Jahr für Jahr bis zu ein Sechstel aller jungen Menschen eines Jahrgangs ohne Schulabschluss. Bildungschancen hängen in starkem Maße von Bildungsstand und Geldbeutel des Elternhauses ab. Ausbildungsbetriebe beklagen fehlende Grundkompetenzen und es werden in Ostdeutschland überdurchschnittlich viele Ausbildungsverträge wieder aufgelöst. Dadurch versperren wir nicht nur vielen jungen Menschen eine erfolgreiche Zukunft, sondern gefährden auch die Zukunft der ostdeutschen Wirtschaft. Wir wollen gleiche Bildungschancen für alle Kinder, unabhängig von ihrer Herkunft. Wir wollen Schulen, die alle Jugendliche besser auf die Berufswahl vorbereiten. Wir brauchen eine pädagogische Wende in unseren Schulen hin zu einem Klima, in dem Ermutigen und Befähigen statt Sortieren im Vordergrund steht und in denen jeder SchülerIn individuell nach seinen
Möglichkeiten gefördert wird.

1. Das heutige Studium bereitet die angehenden LehrerInnen nicht ausreichend darauf vor, ein individualisiertes Lernangebot zu machen und so auch Gruppen von SchülerInnen mit ganz unterschiedlichen Lernvoraussetzungen, Wissensständen und Interessen erfolgreich zu unterrichten. Hierzu fordern wir eine Reform des Studiums sowie eine Fortbildungsoffensive zur Individualisierung des Unterrichts.

2. Die Zuweisung von Kindern zu unterschiedlichen Schulformen benachteiligt Kinder aus Familien mit geringem Einkommen, trägt nichts zum Kompetenzerwerb bei und bindet die Kraft von LehrerInnen. Solche Sortiermechanismen müssen abgeschafft und durch pädagogisch sinnvolle Unterstützungssysteme ersetzt werden. Hierzu gehört der schrittweise Ausbau von ganztägigen Gemeinschaftsschulen, in der alle Kinder länger gemeinsam lernen und optional das Abitur erwerben können. Die Umsetzung von Gemeinschaftsschulen wollen wir dabei nicht von oben diktieren, sondern stattdessen den Schulträgern zusammen mit den LehrerInnen, Eltern und SchülerInnen die Einrichtung von Gemeinschaftsschulen ermöglichen und dies von Landesseite her unterstützen.

3. Alle allgemeinbildenden Schulen inklusive der Gymnasien müssen SchülerInnen ab der achten Klassenstufe eine tatsächliche Berufsorientierung ermöglichen. Mittel hierzu sind Betriebspraktika, polytechnische Unterrichtsanteile wie auch dauerhafte Schul- Betriebskooperationen. Um Ausbildungsfähigkeit zu Gewähr leisten müssen Lese-, Schreibund Rechenkompetenzen, wie sie in den Bildungsstandards der KM;K definiert werden, für alle SchülerInnen sichergestellt werden und ein verbindliches Erfolgskriterium für allgemeinbildende Schulen darstellen. Die Berufsausbildung muss modularisiert werden, um den Transfer einmal erworbener Leistungen in andere Ausbildungen oder bei Wiederaufnahme einer Ausbildung zu erleichtern. Gute Bildung kostet Geld, insbesondere der Ausbau der Ganztagsschulen und die Verbesserung individualisierter Lenrangebote.

1. In den Landeshaushalten müssen Mittel für die Bildungsfinanzierung durch die Streichung umweltschädlicher Ausgaben zur Verfügung gestellt werden.
2. Das Kooperationsverbot im Grundgesetz muss aufgehoben und der Solidarbeitrag Ost in einen Bildungssoli umgewandelt werden.
3. Verbindliche Vereinbarungen zur Qualitätssicherung zwischen Kultusministerium und Bildungseinrichtungen müssen Gewähr leisten, dass das Geld für erfolgreiche Maßnahmen und Einrichtungen ausgegeben wird.

Die ostdeutschen Kultusministerinnen und -minister haben es in den letzten Jahren nicht geschafft, die Schulen nachhaltig zu verbessern. Daher müssen wir uns vor Ort in den Schulen und Kommunen aber auch bei den anstehenden Landtagswahlen aufmachen, für konkrete Verbesserungen zu sorgen: Gemeinsam ist besser und gerechter.

Halle, den 21. Januar 2011

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