Leserbrief: Lesben und Schwule keine Menschen zweiter Klasse

In der Volksstimme ist heute folgender Leserbrief zu lesen:
Eingriff in die menschliche Seele
Zu „Minister für Steuervor- teile bei Homo-Ehen“, Volks- stimme vom 8. August:

Die Umdeutung unseres Grundgesetzes zugunsten einer Gleichstellung der Homo- mit der traditionellen Ehe ist ein einseitig rationaler Schachzug, der die Ebene unseres Instinkts und Gemüts rigoros übergeht. Das Urbild der Familie ist seit Jahrtausenden als Vater-Mut- ter-Kind in uns angelegt.

Wenn man dieses Bild aus seiner archetypischen Struk- tur „herausoperiert“ und durch einen rationalen Fremdkörper ersetzt, ist das ein tiefer Ein- griff in die menschliche Seele, der gewaltige Umstellungen erforderlich macht. Unsere An- passungsfähigkeit ist aber seit Jahrzehnten belastet durch die Schnelllebigkeit technischen Fortschritts, das Verblassen gemüthafter Kräfte und die Integration fremder Kulturen in unseren gewachsenen ge- sellschaftlichen Organismus.

Wir werden gar nicht ge- fragt, ob und wie wir damit klarkommen, sondern müssen freundliche Miene zu allem machen, was man uns aufs Auge drückt und an Vertraut- heit, Geborgenheit und Heimat nimmt. Wer das nicht kann, wird moralisch als „intolerant“ abgewertet. Wie lange noch kann unser Staat die kollekti- ven Ängste und Aggressionen unter Kontrolle halten, die aus der Unterdrückung gemüts- und instinktgebundener Werte entstehen?

Für mein Empfinden ori- entiert man sich zu sehr am seelisch zwar flexiblen, aber oft entwurzelten, Großstädter. Wie würde wohl unsere boden- ständige und naturgebunde- ne Landbevölkerung in einem Volksentscheid über die Homo- Familie abstimmen?

Lucia Tentrop, Berlin

 

Katrin hat mich dankenswerterweise darauf hingewiesen und ich habe folgende Reaktion an die Volksstimme gesendet:

Lesben und Schwule keine Menschen zweiter Klasse

 

Die Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Paaren hat nichts mit Sonderrechten zu tun. Sie ist die Konsequenz aus dem Gleichheitsgrundsatz unseres Grundgesetzes, also der Regelungen, die unserem Zusammenleben zugrunde liegen.

Eine Verweigerung der Rechte, die heute nur Eheleute genießen, ist eine Fortsetzung staatlicher Diskriminierung. Daher muss die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet werden – und zwar umgehend. 

Man wählt seine sexuelle Identität nicht aus, sie gehört zu einem und ist fester und unveränderbarer Bestandteil einer Person. Es ist daher völlig natürlich als Frau Frauen, oder als Mann Männer zu lieben. Wer das nicht akzeptiert und sich auch noch hinter religiösen Trugbildern einer perfekten Gesellschaft versteckt, hat ein erhebliches Problem mit der Lebenswirklichkeit der Menschen in unserem Land. Nicht Bibel, Thora oder Koran geben den Rahmen dieser Gesellschaft vor, sondern demokratische Werte wie Gleichheit und Freiheit.Nicht umsonst hat das Bundesverfassungsgericht klargestellt, dass der besondere Schutz der Heterosexuellen-Ehe an sich, kein Grund sein kann ähnliche Rechtsinstitute, wie die eingetragene Lebenspartnerschaft, schlechter zu stellen und mit weniger Rechten auszustatten. Und wer sagt eigentlich, dass eine Ehe nur zwischen Personen unterschiedlichen Geschlechts geschlossen werden kann? – niemand der mit beiden beiden auf dem Grundgesetz steht. Niemand hat das Recht meinem Freund und mir abzusprechen eine Familie zu sein, oder Verantwortung füreinander zu übernehmen.Man stelle sich nur vor, was in diesem Land los wäre, wenn man in das Leben zwischen Mann und Frau so eingreifen würde und ihnen auch nur für einen Tag ihre Rechte aberkennen würde. Keine Auskunftspflicht im Krankenhaus, keine Hinterbliebenenrente, keine Familienzuschläge im öffentlichen Dienst, kein Splitting bei der Einkommenssteuer, uvm. Ein Aufschrei ginge durch die Republik. – Aber mit Homosexuellen macht man es nicht nur einen Tag, man macht es Tag für Tag und die Situation verbessert sich nur langsam.


Ich kann mir nicht vorstellen mit einer Frau zu verkehren oder ein Leben an der Seite eines weiblichen Menschen zu verbringen. Schlage ich deshalb heterosexuelle Paare, wenn ich sie auf der Straße sehe oder schaue ich sie angewidert an, weil sie sich auf offener Straße küssen? Nein. Gewalt gegen Schwule und Lesben ist hingegen an der Tagesordnung. 

Akzeptanz zu schaffen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die auch im Sport, in der Schule und bei der Arbeit stattfinden muss. Doch muss allen voran die Politik gleiche Rechte schaffen. Es ist einfach nur peinlich, dass Gerichte der Gesellschaft und einigen Parteien immer wieder verdeutlichen und erklären müssen, dass es in diesem Land keine Menschen zweiter Klasse gibt.
Ich hoffe, dass sie ihn in Auszügen veröffentlichen.

Verwandte Artikel