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Rudolf Brazda gestorben

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Der wahrscheinlich letzte Überlebende des NS-Terrors gegen Schwule ist tot. Rudolf Brazda wurde 98 Jahre alt. Der ehemalige Häftling des KZ Buchenwald ist am Mittwoch Morgen in einem Krankenhaus in Bantzenheim im Oberelsass friedlich im Schlaf verstorben, heißt es in einer Stellungnahme von Angehörigen. Er soll in der nächsten Woche auf eigenen Wunsch eingeäschert werden, seine Überreste neben denen seines Lebenspartners Eduard verstreut werden.

 

 

 

Im April hatte Brazda, der in Frankreich lebt, noch die höchste Auszeichnung des Landes, den Orden der Ehrenlegion, verliehen bekommen. Anfang Juli hatte der Spiegel eine lange Würdigung gebracht, der letzte bekannte Träger des Rosa Winkels lag da bereits im Sterben in einem Krankenhaus im elsässischen Mülhausen.

Die Welt kennt jetzt dank zweier Bioprahien seine Geschichte, sein Leiden, seine danach wieder verspürte Lebensfreude. Dabei wurde das alles erst vor drei Jahren bekannt: Brazda sah eine Dokumentation über das Mahnmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Schwulen in Berlin. Der bis dahin als letzter Überlebende geltende Mann war drei Jahre zuvor verstorben. Brazda meldete sich, wollte zur Eröffnung des Mahnmals kommen. Das klappte nicht rechtzeitig, doch wenige Wochen später besuchten er und der Regierende Bürgermeister Berlins das Mahnmal zum CSD.

Der Sohn tschechischer Immigranten war 20, als Hitler an die Macht kam. Zur gleichen Zeit lernte er in Leipzig seinen ersten Freund kennen, lebte später mit ihm im thüringischen Meuselwitz zusammen. Dort wurde er 1937 denunziert, wegen „unnatürlichen Verhaltens“ zunächst in U-Haft gesteckt und dann, nach einem „Geständnis“, zu einem halben Jahr Gefängnis verurteilt.

Er wurde des Landes verwiesen, zog nach Karlsbad und schloss sich einer Theatergruppe an, blieb auch nach der Einverleibung des Sudetenlandes durch die Nazis. 1941 musste er erneut für sechs Monate ins Gefängnis, 1942 wurde er einer der rund 650 schwulen Inhaftierten des KZ Buchenwald. Die meisten von ihnen mussten im Steinbruch arbeiten, Brazda wurde verschont, weil ein politischer Häftling, der als Aufseher arbeitete, ein Auge auf ihn geworfen hatte.

Brazda durfte im Sanitätsdienst aushelfen. Ein anderer Aufseher rettet ihm später das Leben, in dem er ihn in einem Schweinestall versteckt, während die anderen Inhaftierten einen Todesmarsch antreten müssen. Am 11. April 1945 wurde das KZ von der US-Armee befreit. Brazda zog nach Mulhouse, lernte dort seinen Lebenspartner Eduard kennen, der vor acht Jahren verstarb.

Zwischen 10.000 und 15.000 schwule Männer landeten während der Nazi-Zeit im KZ, die wenigsten haben überlebt. Für sie ging die Verfolung nach dem Krieg weiter, der Paragraf 175 hatte noch etliche Jahre Bestand. Erst vor rund zehn Jahren wurden die Opfer des §175 (aus der Nazi-Zeit) rehabilitiert. Entschädigt wurde Brazda nie.

Das alles hat ihn nicht gebrochen, nicht die Lebenslust genommen. Dass er seine Geschichte erzählen konnte und interessierte wie junge Zuhörer fand, hat ihm die letzten Jahre seines Lebens verschönert. Alexander Zinn vom LSVD schrieb eine deutschsprachige Biographie mit dem Titel „Das Glück kam immer zu mir.“ Er besuchte zahlreiche CSD-Veranstaltungen, gab Interviews und sprach zu Schulklassen. Nun ist er verstummt. (nb)

Reaktionen und Würdigungen

In einer Presseerklärung sprach der Berliner LSVD am Donnerstag den Hinterbliebenen von Brazda „unser Mitgefühl und aufrichtiges Beileid“ aus. „Der Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg hatte Brazda für das Bundesverdienstkreuz vorgeschlagen. Zu einer Verleihung ist es nicht mehr gekommen, ein Verleihung posthum ist nicht möglich.“

Auch der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, hat mit Bedauern die Nachricht vom Tod von Rudolf Brazda zur Kenntnis genommen. „Ich erinnere mich gut an das Gespräch mit Rudolf Brazda, als wir 2008 gemeinsam das Denkmal für die während des Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen besichtigten. Er ist ein Beispiel dafür, wie wichtig die Erinnerungsarbeit für unsere Zukunft ist. Immer weniger Menschen können authentisch und aus eigener Anschauung Auskunft über die Unterdrückung in der NS-Diktatur geben.“

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