Sachsen-Anhalt-CDU involviert: Verein will Homosexualität heilen

Ein von führenden CDU-Politikern unterstützter Verein in Sachsen-Anhalt verbreitet unwissenschaftliche Thesen über den Ursprung von Homosexualität. Der von dem ehemaligen CDU-Landtagsabgeordneten Bernhard Ritter in Bennungen im Kreis Mansfeld-Südharz gegründete Verein „Gesellschaft für Lebensorientierung“ (LEO e.V.) bietet Seminare an, in denen Homosexualität als psychische Krankheit bezeichnet wird. Sowohl CDU-Fraktionschef André Schröder, Jürgen Scharf, MdL (Ex-Fraktionsvorsitzender) und  Bernhard Ritter, MdL a.D., als auch MdB Christoph Bergner sitzen im Kuratorium des Vereins.

Die LEO e.V. ist eine überregionale Vereinigung von Christen verschiedener Konfessionen. Der Verein gründete sich am 23.3.1991 aus einem Anfang der 80er Jahre entstandenen Seelsorge-Arbeitskreis in Bennungen, als eine Reaktion auf die Aktivitäten des  schwulen Aktivisten Eduard Stapel. Ab 1981/82 gründete und leitete er zahlreiche kirchliche „Arbeitskreise Homosexualität“ und initiierte so die Schwulenbewegung in der DDR. Der erste AK war am 25. April 1982 in Leipzig als AK der Evangelischen Studentengemeinde gegründet worden. Die Staatssicherheit sah in ihm den „Hauptorganisator“ einer staatsfernen Bürgerrechtsbewegung der Homosexuellen. 1990 gründete Stapel zudem den Schwulenverband in der DDR/in Deutschland (SVD) e. V. (seit 1999 LSVD). So nahmen Anfang der 80er zwei Bewegungen in der DDR ihren Anfang die sich mit Homosexualität beschäftigen und die beide noch heute aktiv sind. Die einen Kämpfen für Akzeptanz und gleiche Rechte, die anderen für die Heilung einer Krankheit, die keine ist.

Die homophobe „Gesellschaft für Lebensorientierung“ beschreibt ihren Zweck in der Förderung von Lebensorientierung und Unterstützung aus christlicher Verantwortung in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens. Ziel des Vereins ist  nach eigener Darstellung die Stabilisierung orientierungs- und hilfesuchender Bürger zur aktiven Bewältigung ihres persönlichen Lebens, zur aktiven Teilnahme am öffentlichen Leben; insbesondere die Überwindung von Identitäts- und Beziehungsstörungen und die Förderung von Ehe, Familie und Jugend.

Das hört sich auf den ersten Blick zwar nett an, aber was heißt es genau? Menschen, die sich in der Sinnsuche oder in einer persönlichen Krise befinden und Hilfe suchen, nehmen Kontakt zu diesem Verein auf. Doch den homosexuellen Menschen wird dort nicht geholfen sich zu akzeptieren, sondern ihnen wird eingeredet, dass sie krank seien und man sie heilen könne. Der Schwerpunkt der Hilfe liegt in der pastoral­psychologischen Seminar- und Beratungsarbeit, deren therapeutischen Konzepts, neben langjähriger Seelsorgepraxis, auf die Analyse und Therapie des niederländi­schen Psychologen Prof. Dr. Gerard van den Aardweg, fußt. Doch dieser Psychologe ist kein Unbekannter.

Die Thesen des Psychologen Prof. Dr. Gerard van den Aardweg

Entgegen der Meinung führender Fachleute und Organisationen ist Aardweg seit Beginn seiner Arbeit in den 1960ern der Meinung, dass homosexuelle Menschen an „neurotischem Selbstmitleid“ leiden und das homosexuelle Empfinden Ausdruck dieses in der Kindheit verwurzelten Selbstmitleids sei. Der Homosexuelle pflege dieses Selbstmitleid nicht willentlich oder bewusst, sondern aus Zwang – gegen seinen Willen. Es sei ihm bewusst, dass die sich selbst akzeptierenden Betroffenen dies nicht gerne hörten, und er sieht sie als erbitterte Gegner jeden Versuchs „objektiver Analyse und kritischer Selbsterforschung“. Sein 1985 veröffentlichtes Buch Das Drama des gewöhnlichen Homosexuellen basiert auf fast 20-jähriger Arbeit mit etwa 200 „homosexuellen Männern“ und 25 „lesbischen Frauen“ aus seiner psychologischen Praxis. Diese Personen hatten ganz offenkundig ein seelisches Problem und konnten ihre Homosexualität nicht akzeptieren. Aardweg aber verallgemeinert seine Aussagen und kommt zu dem Schluss, dass alle Homosexuellen dieses seelisches Krankheitsbild zeigen und folglich alle krank sind.  Er meint, dass sein postulierter Selbstmitleidsmechanismus bei vielen Homosexuellen nachgeprüft worden wäre, auch bei jenen, die keine Veränderung wollen. Die These, dass seine Patienten aufgrund des gesellschaftlichen Drucks Minderwertigkeitskomplexe hatten, lehnt er ab.

Homosexuelle entsprechen seiner Ansicht nach eher dem Typ des „Weicheis“ als dem des übermaskulinen Bodybuilders, und der Film Brokeback Mountain sei eine unwirkliche Propaganda, die die Gesellschaft noch mehr verwirre, „die gesunde Abneigung gegen praktizierte Homosexualität“ dämpfe und es schwieriger mache, gegen Homosexualität Stellung zu nehmen, ohne gesellschaftlich isoliert zu werden. Filme wie diese bekämen vor allem wegen des Themas Preise, egal wie gut sie handwerklich gemacht seien. Da Homosexualität seiner Ansicht nach eine neurotische Störung sei und keine biologische Grundlage habe, soll man Homosexuellen nicht dieselben Rechte geben, da man ihnen damit nicht hülfe.

„Anstatt an der Beseitigung der Störung zu arbeiten, bestärkt man sie in ihrem Persönlichkeitsdefekt. […] Vordringlichste Aufgabe ist meiner Ansicht nach, die Unwahrheiten und unhaltbaren Behauptungen der Homosexuellen-Bewegung öffentlich zu entlarven und über die wahren Hintergründe von Homosexualität zu informieren.“ – Gerard J. M. van den Aardweg (2006)

Gefährliche Therapie ohne wissenschaftliche Grundlage

Als Therapie werden Konversionstherapien oder auch Reorientierungstherapien angewendet. Sie haben den Zweck, bei Menschen gleichgeschlechtliche Sexualkontakte entweder durch heterosexuelle Sexualkontakte zu ersetzen oder zumindest zu unterbinden. Die Zuneigung zum eigenen Geschlecht soll dabei verschwinden oder zumindest abnehmen; auch wird oft das weitere Ziel in Aussicht genommen, die Zuneigung zum anderen Geschlecht zu stärken. Es soll also homosexuelles Verhalten in asexuelles oder heterosexuelles Verhalten gewandelt werden.

Solche Behandlungsversuche sind generell höchst umstritten und werden vor allem von der mehrheitlich christlich motivierten Ex-Gay-Bewegung propagiert. Die weltweit führenden psychiatrischen und psychologischen Fachgesellschaften lehnen solche Behandlungsversuche ab, da sie im Widerspruch zu den heute in Psychiatrie und Psychologie etablierten Auffassungen von Homosexualität stehen und in Fachliteratur Fälle von schädigenden Wirkungen bei einzelnen Therapierten dokumentiert wurden. Auch die Begriffe selbst stoßen dabei auf Ablehnung.

Die Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen legte im März 2013 im Deutschen Bundestag eine Gesetzesinitiative vor, die das Angebot und die Durchführung von Therapien bei Minderjährigen mit dem Ziel der Änderung der sexuellen Orientierung verbieten lassen will, da „[… ] negative und schädliche Effekte solcher Behandlung auf therapierte Personen wissenschaftlich nachgewiesen sind. Zu diesen zählen neben Ängsten u.a. soziale Isolation, Depressionen und erhöhte Suizidalität. […] . Ein wissenschaftlich valider Nachweis für die behauptete Wirksamkeit derartiger Therapien existiert dagegen nicht.“ Verstöße sollen mit einer Geldbuße von mindestens 500 Euro geahndet werden.

Homo-Heilung als Fundament für ein homophobes Weltbild

Die Homo-Heilung ist ein Fundament, um die Ungleichbehandlung von Homo- und Heterosexuellen zu rechtfertigen. Die These, die sexuelle Orientierung des Menschen sei nicht angeboren oder gottgegeben, sondern form- und veränderbar, stellt die Notwendigkeit der Akzeptanz vielfältiger Lebensweisen als überflüssig dar, denn wenn dem so sei, könnte man ja jeden auf dem „richtigen Weg“ zurück führen. Dahinter steht der Gedanke, dass es nur den einen aufrechten Lebensweg gibt, sowie der Gedanke, dass Homosexualität wie eine Krankheit verbreitet werden kann. Die Angst, dass besonders Kinder auf die „schiefe Bahn“ geraten könnten, ist in Gesellschaften in denen diese These mehrheitsfähig ist groß. Schauen wir nur nach Russland, wo Präsident Putin die sogenannte „Homo-Propaganda“ verboten hat. Diese These tritt in der Regel auch mit einem Pädophilie-Vorwurf auf. So forderte Putin von den Homosexuellen „Lasst unsere Kinder in Ruhe!“. All diese Gedanken entspringen dem gleichen theoretischen Gerüst und stehen miteinander in Verbindung.

Die Forderung nach Homo-Heilung ist Ausdruck dieser – in meinen Augen – weltanschaulichen Disposition, die vor allem in einigen christlichen Kreisen durch ein wachsendes Auftreten radikaler und evangelikaler Kräfte, als Gegenmodel zum politischen Mainstream in einer immer toleranteren Gesellschaft, neuen Zulauf bekommt.

Verwandte Artikel