Über das Schaufeln der eigenen Gräber

In der Altmark – wie in der ganzen Republik, aber vornehmlich im Osten – werden neue Mastanlagen für Nutzvieh geplant und gebaut, ohne Umwelt und Natur zu berücksichtigen. Diese Fehlentwicklung unserer Landwirtschaft scheint den Menschen aber immer noch nicht klar zu sein. Deshalb habe ich mich mit nachfolgendem Brief an die Leserschaft der Lokalzeitungen gewandt.

Bau Putenmast Mieste

„Wernitz bei Mieste war für mich immer ein idyllischer Ort in der Altmark, nicht zuletzt, da ich dort meine ersten Lebensjahre verbracht habe und meine Großeltern, die heute noch in Wernitz leben, gerne besuche. Heute, siebzehn Jahre alt, in Salzwedel lebend und das örtliche Gymnasium besuchend, stelle ich eine tiefe Verwurzelung mit dieser Region fest und begreife diese auch als meine Heimat. Nirgends kann ich so gut abschalten, zu mir finden und konzentriert konstruktiv arbeiten, wie eben bei meinen Großeltern. Sicherlich ist die Vermittlung einer Heile-Welt-Stimmung dieser Einschätzung zuträglich.

Doch hat dies nun endgültig ein Ende gefunden. Eine Putenmastanlage wird zwischen Wernitz, Mieste und Sichau gebaut! Für diese Tierfabrik mit zwei Aufzucht- und vier Maststallungen fand die Ausschachtung für das Fundament gerade statt, als ich vor kurzem vor Ort war. Es war für mich ein erschreckendes Gefühl, diesen Baumaßnahmen als Einzelner gegenüber zu stehen, aber diese Erfahrung weckte bei mir den Anspruch, gegen die Tierfabrik aktiv zu werden. Für mich ist unbegreiflich, wie die Gemeinde Mieste den Bebauungsplan ändern und das Gebiet zwischen Wernitz, Mieste und Sichau als Industriegebiet ausweisen konnte, welches erst die Bebauung mit der Putenmastanlage auf eine juristische Grundlage stellt. Anzumerken ist hier, dass keine Gemeinde aus blauem Dunst den Bebauungsplan ändert. Ein weiterer Punkt, der mich stutzig macht, ist, dass die Bebauungsplanänderung und der Baubeginn der Putenmastanlage bisher kein Ohr bei der Medienöffentlichkeit gefunden haben. Viele Menschen wissen gar nicht was zwei Kilometer von ihnen entfernt, also in nächster Nähe, geschieht und gebaut wird.

Für mich wird da der Verdacht laut, dass die Mitglieder des Gemeinderats in Mieste unwissend der Folgen ihrer Entscheidungen gehandelt, oder gar mit blankem Kalkül gehandelt haben, um möglichst wenig Aufsehen zu erlangen. Und da im Miester Gemeinderat vornehmlich Unternehmer sitzen, scheint mir die Überlegung nahe, dass aus kurzfristigem finanziellen Eigeninteresse gehandelt wurde, um am Bau dieser Anlagen mitverdienen zu können – nach ähnlichen Entscheidungen in der Gemeinde Dambeck musste der Bürgermeister seine Koffer packen, weil der Widerstand in der Bevölkerung zu groß geworden war.

Doch muss den Bürgern dieser in der Südlichen Altmark liegenden Gemeinde klar sein, welche langfristigen Folgen und nachhaltigen Auswirkungen diese Entscheidung für die Region hat. Gerade bei Westwind – und wir haben häufig Westwind – kann es für die Wernitzer zu einer Geruchsbelästigung, die sicherlich jeder nachvollziehen kann, kommen. Somit kann man das sommerliche Baden in der Kieskuhle, aber auch das Schlafen mit offenem Fenster in Wernitz vergessen. Klar sein dürfte auch, dass den Miestern bei Ostwind ein ähnliches Schicksal ereilt. Die Miester können ihr Stück Kuchen zur Kaffezeit im Sommer, dass sie auf der Terrasse zu sich nehmen wollen und dabei mit der Nachbarin ein Schätzchen halten, natürlich auch vergessen. Ausgenommen natürlich, sie mögen den leckeren Geschmack eines saftigen Obstbodens und zeitgleich den Gestank der Fäkalien der Puten. Doch neben den Beschneidungen im Alltag der Menschen gibt es auch für Umwelt und Natur große Schäden zu befürchten, denn ist das zukünftig bebaute Gebiet doch auch der Bereich, der als Trinkwassereinzugsgebiet für die Südliche Altmark, und eben Mieste dient. Offen bleibt auch die Frage der Übersäuerung des Bodens durch die Ausscheidungsprodukte der Puten. Zwar ist Dung in Maßen gut, doch auf einem übersäuerten Boden kann man keine vernünftige Landwirtschaft betreiben. Unsere Region lebt von einer funktionierenden Landwirtschaft. Darum muss sich jeder selber fragen, wenn er im Supermarkt vor der Putenbrust steht, ob er die Verantwortung für die Gesellschaft und Umwelt tragen kann, solche Massentierhaltungen zu legitimieren.

Schlussendlich bleibt mir als junger Mensch nur ein Fazit: Wirtschaftliche Kurzsichtigkeit, die immer neue Anlagen von Massentierhaltung gestattet, – ob in Form von Tierfabriken für Schweine, Geflügel oder Milchvieh sei dahingestellt – das schweigende Hinnehmen der Bevölkerung vielerorts und das Schlafen von Parteien des linken und konservativem Spektrums sind Faktoren, die diese Region, in der ich immer noch aufwachse, verschandeln und ihr immer mehr Lebensqualität rauben. Nicht zuletzt diese Entscheidungen sind es, die junge Menschen – auch mich – überlegen lassen ihre Heimat zu verlassen. Und eine Frage stellt sich mir in letzter Zeit immer öfter: Schaufeln wir so nicht unsere eigenen Gräber?“

Hier der Link aus der ALTMARK ZEITUNG: http://tinyurl.com/yjhoyce

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