Zum AZ-Kommentar: „Dann eben mit dem Bio-Würstchen gegen die Autobahn!“

Ich habe gerade Urlaub, bin gut in Kroatien angekommen und wollte mich eigentlich nicht mit den Niederungen des Lokaljournalismus auseinander setzen, doch dann wird man auf einen Meinungsbeitrag von Ulrike Meineke in der Altmark-Zeitung aufmerksam gemacht. Nicht, dass es etwas besonderes wäre, wenn diese Beiträge von Halbwahrheiten und Unsachlichkeit nur so triefen. Das kennen wir ja nun schon hinlänglich und nehmen das mit ausdauerndem Unmut zur Kenntnis.

Aber was im jetzigen Wochenend-Kommentar „Von Woche zu Woche“ zu lesen ist, ist eine neue Stufe der Unsachlichkeit.

Da wird aus der richtigen Intention ein westdeutscher FDJ-Akteur für seine totalitären Ansichten kritisiert. Doch es werden alle Menschen, die sich in der Altmark gegen Massentierhaltung, für Alternative Verkehrsplanungen und gegen Militarismus engagieren in Mithaftung und diskreditiert unsachlich und am Thema vorbei.

Dabei bestärkt sie eines der größten Vorurteile, dass man Altmärkern nachsagt: Angst vor dem Fremden zu haben und Starrköpfe zu sein.

Weil einem eine Meinung nicht passt, zu betonen, dass die Leute, die sie haben nicht von hier seien, ist armselig. Mal nach links oder rechts schauen. Offen für neue Argumente oder Menschen sein, das scheint mit der AZ nicht möglich. Nicht jeder Altmärker ist für die Autobahn, die besonders für die Westaltmärker und die Anwohner der B71 keine Verbesserungen bringen wird.

Die kritischen Altmärker, die überhaupt erst dafür gesorgt haben, dass die Tour de Natur in der Altmark so viele Stationen macht, werden hier als bloße Dagegen-Bürger deklassiert. Kann man es sich als Journalist wirklich so einfach machen? Ich finde nicht.

Ich bin der letzte, der die sabotierenden Aktionen im GÜZ unterstützt, aber der erste, wenn es darum geht für eine bessere Infrastruktur zu kämpfen. Wer Position diskreditiert, die eine vermeintliche Mehrheitsposition in Frage stellen, ohne sich auch nur ein Bild von der Vielschichtigkeit der Meinungen und des Engagements zu machen, oder machen zu wollen, betreibt Hetze.

Ich demonstriere auch gerne mit einer Bio-Bockwurst in der Hand für eine nachhaltige Altmark ohne Autobahn und für den Ausbau der B71 und B189, wenn sich die Altmark-Zeitung vor Vegetariern und Veganern fürchtet. Dass sich diese AZ-Redakteurin aber daran stößt, dass die Teilnehmer sich komplett vegetarisch ernähren und damit ein positives Zeichen für einen bewussten Konsum setzen, finde ich sehr absurd.

Ja, Frau Meineke, Natur allein macht nicht glücklich, ein Leben und Arbeiten im Einklang mit der Natur schon.

Ja, Kampf gegen Totalitarismus von jeder Seite. Aber auch ein Ja, für eine andere Debattenkultur in der Altmark und der Zeitung, die sich anschickt ihren Namen zu tragen.

Ja, zu einem aktiven Bewahren der Werte der friedlichen Revolution. Aber nein zu einem Missbrauch dieser Werte für Einfältigkeit und oktroyierte Meinungen aus der Tageszeitung.

Ja, zu einem kritischen und faktenbasierten Journalismus in der Altmark. Ja, zu einem offenen Einspruch. Ja zu kritischen Altmärkerinnen und Altmärkern und allen, die sich außerhalb der Altmark für die Altmark engagieren.

Was Ulrike Meineke schrieb:

Wer anders denkt, denkt falsch?

Wie früher mit dem Gruß „Freundschaft“ begrüßte Julian Sandorf vom Zentralrat der FDJ in dieser Woche seine Mitstreiter, die radelnden Umweltaktivisten aus ganz Deutschland, die in Gardelegen, Stendal und Arneburg gegen das Militär in der Colbitz-Letzlinger Heide, gegen Atomkraft, gegen die A 14, gegen Massentierhaltung und gegen ein Steinkohlekraftwerk protestiert haben.

Julian Sandorf ist Bayer, kommt aus Nürnberg. Er fühlt sich der FDJ verbunden, weil sie einst von Antifaschisten in Prag gegründet wurde. Was mag ihn dazu bewogen haben, unter dem Deckmantel FDJ einen staatlich verordneten Antifaschismus zu fordern? Nicht, dass das falsch verstanden wird – es geht nicht um das Thema Antifaschismus, sondern um das „staatlich verordnet“.

Gut, eine Gehirnwäsche für die ewig gestrigen Faschisten wäre gerade in diesen Zeiten, wo Asylbewerberheime angegriffen und angezündet werden, gar nicht verkehrt. Aber was Sandorf will, ist eine verordnete Gesinnung. In der DDR sollten wir an den Sozialismus, die SED glauben. Nichts mit freier Meinungsäußerung, nichts mit Demokratie. Sandorf hat es offenbar nicht so sehr mit der Freiheitskämpferin Rosa Luxemburg und ihrer 1918 propagierten „Freiheit ist auch immer die Freiheit der Andersdenkenden“. Er reduziert sie wahrscheinlich auf ihre pazifistische Einstellung. Julian Sandorf ist überzeugt davon, dass Deutschland ein Staat ist, der Faschisten schützt und sogar organisiert. Das tut er kund unter dem Emblem der DDR-FDJ. Was will uns Sandorf damit sagen?

Es ist grundsätzlich nicht verkehrt, wenn Umweltaktivisten wie er während ihrer Radtour von Braunschweig in die Lausitz in der Altmark gegen Atomkraft tanzen. Meinetwegen können sie auch gegen den Truppenübungsplatz in der Colbitz-Letzlinger Heide singen und die A 14 verteufeln. Sie leben nicht hier.

Zwar unterstützen die Aktivisten mit ihrem Protest gegen Massentierhaltung wie in Stendal den Wunsch der meisten Altmärker, aber bei ihrem Heide- und A 14-Protest sicher nicht. Während sie durch die Gegend radeln, müssen andere zur Arbeit und wünschen sich sehnlichst, endlich über eine schnelle Autobahn fahren zu können. Natur allein macht eben nicht glücklich, wenn man eine Familie zu ernähren hat, nicht jeden Tag im Zelt schlafen und jeden Morgen duschen will.

Was wollen die Sandorfs & Co. eigentlich genau? Sie sind erstmal grundsätzlich gegen alles. Warum betonen sie, dass sie sich während ihrer Tour rein vegetarisch ernähren? Wir Fleischesser hängen uns doch auch kein Schild um. Jeder kann essen und denken, was er will. Die Umweltaktivisten nutzen doch auch ihr Recht auf freie Meinungsäußerung – warum wollen sie anderen eine Meinung verordnen? Weil ihre die einzig richtige ist?

Von Ulrike Meineke

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